Archiv für den Monat: Juli 2014

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Am silbernen Fluss des Lebens

Wie Craniosacral-Therapie, TTouch und Reiten zusammenpassen

Es ist bestimmt nicht übertrieben zu sagen, dass Reiten in den besten Momenten etwas Mystisches an sich hat. Zwei Lebewesen entscheiden sich dafür, etwas Gemeinsames zu wollen. Ein fließender Sprung, eine elegante Dressurbewegung, ein Moment im perfekten Gleichgewicht – mental, emotional, seelisch und in zwei Herzen. Die meisten Reiter kennen diese Verständigung ohne Worte. Wir streben sie immer wieder an. Warum? Weil sie solch ein erhebendes Gefühl vermittelt, zwei Wesen zu einer Einheit werden, wir „fliegen ohne Flügel“ und tiefe Sehnsüchte sich für diesen Augenblick erfüllen. Und vielleicht auch, weil wir dem silbernen Fluss des Lebens nahe kommen.

Im Mai veranstalteten wir einen Einführungskurs in die Craniosacral-Therapie mit Lily Merklin bei uns im Spreewald. Lily ist eine Tellington-Kollegin von uns, die schon seit vielen Jahren mit der Tellington-TTouch-Trainingsmethode und mit Craniosacral-Therapie arbeitet. Wir luden überwiegend Kolleginnen unserer Methoden Tellington-Training und Centered Riding ein oder Freundinnen, die mit beidem Erfahrung haben. Für uns ging es darum, die Arbeit mit dem craniosacralen Fluss näher kennenzulernen und mehr darüber zu erfahren, wie sie sich mit unseren Methoden optimal ergänzt.

Zum Üben standen Hunde, Pferde und die jeweils anderen Kursteilnehmerinnen zur Verfügung – und wir selbst mit unseren eigenen Körpern. Wir lernten schnell, die Bewegung des craniosacralen Rhythmus zu finden, ihr zu folgen und sie zu verstärken. Eine einfache, aber hoch effektive Anker-Übung half uns, geerdet zu bleiben und der anderen Person – ob zwei- oder vierbeinig – Raum zur Entfaltung zu gewähren. Lily war auf viele neugierige Fragen eingestellt und sollte Recht behalten. Viele Teilnehmerinnen brachten Erfahrung in verschiedenen Arten von Körperarbeit mit und fanden es leicht, craniosacrale Techniken in ihre Ansätze zu integrieren.

Wie auch so oft bei TTouch entsteht beim Üben Schritt für Schritt eine Sprache, ein Verständnis ohne Worte. Ohne Wertung entfaltet sich die Wahrnehmung von Qualitäten aus dem Inneren des anderen Körpers. Fühlt sich der Rhythmus weich und fließend an, stark oder zart, der Fluss wässrig, gelartig oder eher trocken und sandig? Zu zweit überprüften wir unsere Wahrnehmung, wurden schnell sicherer, rückten neue gedankliche Vergleiche in den Fokus, fanden eine Sprache für das Neue, das wir fühlten. Ganz ähnlich kommt mit der Übung auch die Erfahrung beim TTouch: fühlt sich das Lebewesen unter unseren Fingern weich und lebendig an? Oder erinnert uns dieser Teil seines Rückens eher an einen trockenen Ast? Ist es im Verlauf der Arbeit, als ob „das Licht in den Zellen angeschaltet würde“, wie Linda Tellington-Jones es formuliert hat?

Wenn wir intensiv ttouchen, denken wir an das Lösen von Verspannungen, an die Verbesserung von Zellkommunikation und an das Potenzial ihrer optimalen Funktionskraft.  Jede Zelle in unserem Körper weiß auf faszinierende Weise um ihre Aufgabe und um ihre Vollkommenheit. Der craniosacrale Fluss wird als Ausdruck der Lebenskraft gesehen, die dem Körper das Ausschöpfen seines vollkommenen Potenzials in jeder Hinsicht ermöglicht. Als eine Art ordnende Funktion, auf deren Basis Heilung und eine nachhaltige Verbesserung von Einschränkungen stattfinden kann. Somit wären TTouch und Craniosacral-Therapie wie zwei Aspekte von Gedanken, die sich um den Fluss des Lebens ranken. Fließt er frei und ungehindert, kann sich vieles andere erst sortieren.

In den besten Momenten, wenn wir den rhythmischen Fluss besonders gut spürten, erinnerte er einige von uns eben auch an das Gefühl des Eins-Seins mit dem Pferd. Unterschieden dadurch, dass Lily uns konsequent zum „Ankern“ anhielt. Sich im strömenden Rhythmus und seinen vielfältigen Variationen zu verlieren, ist nicht zielführend, lernten wir. Ganz ähnlich wie beim Reiten: Auch wenn wir eins sind mit dem Pferd, haben wir doch das nächste Hindernis, die nächste Lektion, die nächste Wegbiegung im Blick. Das hindert uns nicht, den Fluss zu genießen. Es hilft uns nur, die Richtung zu finden.

Text: Ingvil Ann Schirling   Foto: Katja Krauß